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Drei Porträts in 90 Sekunden

Steve Jobs, Hardy Krüger, Sigmar Gabriel und Mundstuhl - Thorsten Wulff hatte sie alle vor der Kamera. Meist brauchte er für das Foto nur ein paar Minuten. Helmut Kohl ist der Grund, warum der Lübecker Fotojournalist geworden ist. Heute fotografiert Wulff für den Rowohlt-Verlag Sachbuchautoren, fürs Theater Lübeck Schauspiel und Opernaufführungen. Für die Porträt- wie die Theaterfotografie gilt: Im richtigen Augenblick nah dran sein. Und kein Foto bleibt unbearbeitet.

Herr Wulff, ich hasse es, fotografiert zu werden, und wir haben nur ein paar Minuten Zeit. Wie kriegen Sie trotzdem ein gutes Porträtfoto von mir?

Erst mal breche ich das Eis mit Marzipanherzen von Niederegger. Dann plaudern wir ein bisschen. Ich bin so etwas wie der optimale Kandidat für Günther Jauch, voll mit fundiertem Halbwissen zu Gott und der Welt. Also verwickle ich Sie erst mal in Smalltalk und dazwischen macht es klick - und ich hab das Bild. Entweder das beste Foto ist unter den ersten zehn oder man hat ein Problem.

Das funktioniert wirklich?

Ja. Bei Eugen Ruge, der vergangenes Jahr den Deutschen Buchpreis gewann, war es genau so. Er lässt sich nicht gern fotografieren, und es gab ein älteres Porträt von ihm, sonst nur Bilder aus Talkshows, wo er sich gerade die Nase putzt oder aufsteht. Als er zu einer Lesung nach Lübeck kam, schenkte ich ihm Marzipan, versprach, es würde nur zwei Minuten dauern, und ging mit ihm raus zu einer Gruppe Birken. In dem Moment brach der graue Wolkenhimmel auf, ich machte neun Bilder, drei davon waren gut. In 90 Sekunden waren wir fertig. Er konnte es kaum glauben.

Drei gute Bilder in 90 Sekunden – keine schlechte Ausbeute...

Bei Hardy Krüger hatte ich nur 23 Sekunden. Da ist es natürlich Glücksache. Aber jemand der mit John Wayne und Jimmy Stewart gedreht hat, hat ein perfektes Fotogesicht, das er spontan hervorholen kann. Schauspieler haben diese Grundunsicherheit nicht. Die wissen genau, wie sie gucken und aussehen.

Bekam Hardy Krüger auch Marzipan?

Ja, und den Soundtrack von „Hatari“, den Film, in dem er neben John Wayne spielte. Man muss eine Atmosphäre schaffen, den Türöffner finden. Vor allem bei medienunerfahrenen Leuten ist diese Unsicherheit da: Ist die Lippe schief, hängt was an der Nase? Aus dieser Stimmung muss man sie erst mal rausholen. Das ist die Kunst. Ich unterhalte mich in erster Linie, und mache beiläufig meine Bilder.

Für den Rowohlt-Verlag machen Sie Porträts für die Sachbuchreihe – Aufnahmen von der Poetry-Slam-Queen, dem Neonazi, der Priester wurde, vom Gerichtsmediziner und vom Philosophen. Worüber sprechen Sie da?

Ich habe immer ein paar Sekunden, um den Menschen einzuschätzen. Es ist eine sehr intuitive Geschichte. Ich bereite mich gut vor, und irgendwas hol ich immer an Wissen hoch, ohne dass das Geschwafel ist. Damit zeige ich, dass ich mich wirklich für die Leute interessiere. Als ich den Philosophen Phillip Hübl in Berlin fotografierte, haben wir darüber diskutiert, ob der freie Wille nur eine Illusion ist.

Inwieweit ist es eine Illusion, dass ein Porträt ein wirkliches Abbild des Porträtierten ist?

Ich fotografiere die Person, die ich zu sehen glaube, und wenn ich Glück habe, sieht dieser Mensch sich selbst so. Von Richard Avedon stammt der Satz: All photographs are accurate. None of them is the truth. Jedes Porträt ist in gewisser Weise manipuliert. Für die Buchcover muss ich sogar noch Platz für den Titel mitdenken und so was. Meine Verantwortung besteht darin, trotzdem ein reales Bild der Person abzuliefern.

Mit welcher Technik gehen Sie zu einem solchen Porträttermin?

Ich arbeite am liebsten flexibel, mit meiner Nikon, 85mm-Objektiv, Blende 1,4, und dem vorhandenen Licht. Mein amerikanischer Kollege Vincent Laforet nennt das: KISS. Keep It Simple, Stupid. Ich bin ein Freund von Festbrennweiten und habe das nie als Beschränkung empfunden. Ich laufe dann eben mehr herum statt am Zoomring zu drehen.

Stimmt es, dass Helmut Kohl Sie zum Fotojournalismus gebracht hat?

Eigentlich war ich Grafikdesigner, fotografiert habe ich nur nebenbei. Ich wuchs mit Kanzlern wie Brandt und Schmidt auf, Kohls geistig-moralische Wende 1982 hat mich über Nacht politisiert. Schmidts Pragmatismus wurde ersetzt durch Kohls bleierne Bräsigkeit. Als ich ihm zum ersten Mal begegnete, bei der Beerdigung von Uwe Barschel, hat er mich angemault, weil ich zu meinem schwarzen Boss-Anzug schwarz-weiß karierte Skaterschuhe trug. Wir sind keine Freunde geworden. Aber ich wurde Fotojournalist, um gegen den konservativen Stumpfsinn anzufotografieren. Hat nicht viel gebracht, jetzt haben wir Merkel.

Wenden Sie sich deshalb inzwischen statt des politischen Theaters lieber dem klassische zu? Seit fünf Jahren fotografieren Sie am Lübecker Theater Oper und Schauspiel...

In der Theaterfotografie kann ich ganz den Leitsätzen meiner beiden großen Vorbilder Henri Cartier-Bresson (finde den „entscheidenden Augenblick“) und Robert Capa („Ist ein Bild nicht gut genug, bist Du nicht dicht genug dran“) folgen - und ich muss mich nicht mit Hunderten anderer Fotografen um das beste Merkelbild schlagen. Die erste Hauptrobe ist nur für mich.

In einem Szenenfoto aus dem Stück „Yerma“ haben Sie exakt den Moment festgehalten, in dem die Schauspielerin den Kopf mit ihrem nassen Haar empor reißt: Die Wassertropfen bilden einen Bogen, das Haar steht wie ein Turm. Wussten Sie da, was kommt?

Ich versuche die Situation zu erraten, bevor sie passiert. Denn es ist nicht so, dass der Dramaturg mir vorher sagt: Nach einer Stunde und drei Minuten spritzt Blut - oder Wasser. Ich kenne das Stück nicht. Aber in meinem Kopf sehe ich die Linien fliegen, ich weiß, der kommt gleich von da und die wird das tun – und ich muss es erwischen, wenn das alles kulminiert. Es ist wie eine Demo auf der Straße zu fotografieren. Die Angst ist groß, das Bild zwar zu sehen, aber nicht zu erwischen.

Wie nah gehen Sie dafür ran?

Wenn ich möchte, kann ich auf der Bühne rumlaufen, aber das mache ich nicht gerne, weil es die Probe doch stört. Ich fotografiere am liebsten mit dem Weitwinkel vom Bühnenrand aus. Mein Ziel ist es, drei oder vier Bilder zu machen, die das ganze Stück erfassen.

Was macht dabei die größten Schwierigkeiten?

Das Licht. Schauspieler rennen auf der Bühne ständig von sehr hellen in dunkle Ecken und umgekehrt. Da bringt die Kameraautomatik gar nichts. Ich belichte manuell, stelle Zeit und Blende ein. Und meine Kamera ist immer auf 3200 ISO, um darauf gefasst zu sein, wenn es dunkel wird. Das ist dann total scharf. Mit Blitz arbeite ich ungern, da ich lieber unauffällig sein möchte. Neulich habe ich aber auch mit 12800 ISO fotografiert, weil die einzige Lichtquelle auf der Bühne eine Kerze war. Ganz blöd sind Neonröhren.

Warum?

Der Kamerachip registriert den Abbrennprozess der Röhren. Da ist auf einem Bild die Wand grün, auf dem nächsten blau, dann graublaugelb und auf dem vierten dann weiß. Das muss man hinterher ran. Im Theater-Studio geben die Scheinwerfer, die auf die Holzpaneelwände fallen, ein bräunliches Licht, das so über die Aufnahmen wabert. Da muss man auch dran drehen. Kein Bild kommt bei mir unbearbeitet aus der Kamera in Umlauf. Ich verändere die Farben, intensiviere die Kontraste. Das mach ich meistens in meiner Stammkneipe.

Direkt nach der Theaterprobe?

Ja, die Kneipe „Cole Street“ liegt gegenüber vom Theater. Dort mache ich mein erstes Bier auf, kopiere die Bilder, bearbeite sie – immer mit Lightroom von Adobe. Dann kommen die Schauspieler von ihrer Nachbesprechung, 50 Leute starren auf meinen Bildschirm. Das ist sofort ein super Feedback. Dann suchen wir die Bilder aus, die ins Programmheft kommen, und die, mit denen das Stück beworben wird. Es ist wie bei den Porträts ein unheimlicher Glücksmoment, wenn die Leute sich gut getroffen fühlen.

Ich hasse das Fotografiert werden – was hassen Sie beim Fotografieren am meisten?

Dass ich manchmal Bilder sehe, die ein perfekter Schuss hätten werden können, die ich aber nicht erwischt habe. So ein verpasstes Bild verfolgt mich wochenlang.

Das Interview führte Daniela Zinser für seen.by im Oktober 2012.

Weitere Informationen und Bilder

Ausstellungen: Bewohner und Besucher Lübecks können Thorsten Wulffs Bühnenaufnahmen in der Kneipe „Cole Street“ (Beckergrube 18) betrachten, die Backstagebilder sind nebenan im Theater-Restaurant „Dülfer“ (Fischergrube 5) zu sehen.

Homepage: www.thorstenwulff.com

Copyright der Abbildungen: © Thorsten Wulff

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