Die Reaktor-Katastrophe von Tschernobyl ist Vergangenheit, aber noch lange nicht Geschichte. Seit mehreren Jahren bereist der Fotograf Rüdiger Lubricht die Gegend. Im Interview spricht er über verlassene Klassenzimmer, die Folgen der Verseuchung und über Fotografie als Medium gegen das Vergessen...
Herr Lubricht, können Sie sich noch an den 16. April 1986 erinnern?
Um ehrlich zu sein, nur schwach. Meine Kinder waren damals noch klein und meine Frau und ich waren natürlich besorgt. In der Intensität wie heute habe ich die Katastrophe damals gar nicht wahrgenommen.
Seit wann arbeiten Sie am Projekt Tschernobyl?
Seit sechs Jahren. Ich konnte während meiner Aufenthalte in der Ukraine und Weißrussland aus Sicherheitsgründen nie länger als eine Woche in einer verstrahlten Zone bleiben. Gleichzeitig kostet es sehr viel Zeit, um die riesigen Entfernungen in dem Land zurückzulegen. Man fährt Tausende von Kilometern, um die von der Katastrophe betroffenen Menschen und die damals evakuierten Dörfer zu finden, die auf keiner Karte mehr existieren. Oft sind nur ein paar Häuser, die Reste eines im Wald versteckten Dorfes, übrig geblieben. Viele Orte wurden direkt nach dem Unglück dem Erdboden gleichgemacht.
Welche Erlebnisse haben sich am meisten in Ihr Gedächtnis eingegraben?
Die verlassenen Dörfer und Städte hinterließen in mir einen sehr tiefen Eindruck, ganz besonders die ukrainische Stadt Pripyat in der Sperrzone des Reaktors. Es ist hart, die Spuren der Menschen zu sehen, die binnen drei Tagen zwangsumgesiedelt wurden, die verlassenen Krankenhäuser, Kindergärten und Schulen, Klassenräume, in denen noch die Bilder der Kinder hängen, Schreibstifte und Hefte herumliegen. Man hält inne, ringt nach Luft und fragt sich: Mein Gott, was muss damals tatsächlich passiert sein, dass Menschen diesen Ort so fluchtartig verlassen haben?
In welcher Situation befinden sich dort die Menschen heute?
Ich war kürzlich in Weißrussland und habe dort Krankenhäuser besucht. Man trifft auf die wenigen Helfer, die überlebt haben und weiß, dass Tschernobyl keine Geschichte ist. Es gibt in Weißrussland einige Regionen, die 1986 nicht von dem Fallout, dem radioaktiven Niederschlag, betroffen waren, so genannte saubere Regionen. Mittlerweile treten auch hier Krankheiten auf, die ganz klar auf die Reaktorkatastrophe zurückzuführen sind. Ich habe Kleinstädte und Dörfer besucht, wo Menschen mir erzählt haben, dass es in ihrer Stadt kein gesundes Kind gibt. Das liegt unter anderem daran, dass in den verseuchten Sperrzonen inzwischen wieder Gemüse und Getreide angebaut wird. Alles vermischt sich. Inzwischen gibt es kaum noch saubere Lebensmittel, selbst in den unverseuchten Gebieten.
Wie gehen die Menschen in den betroffenen Regionen mit der Vergangenheit um?
Gerade auf dem Land in Weißrussland kamen viele mit der Zwangsumsiedelung nicht klar. Sie lebten zuvor in ihrem Dorf, versorgten sich selbst, wurden dann ohne Vorwarnung von einem Moment zum anderen in die Stadt verfrachtet. Die Menschen, vor allem die Alten, kehrten dann einfach irgendwann in ihre Dörfer zurück. Jetzt haben sie ihre Freiheit und ihre Heimat wieder, bauen ihre Lebensmittel so wie früher selbst an. Ich habe den Eindruck, dass diese Menschen sehr zufrieden sind. Möglicherweise auch nur, weil es ihnen an der nötigen Aufklärung über die wahren Ausmaße der Katastrophe mangelt.
Waren Sie sich während Ihrer Arbeit einer Bedrohung bewusst?
Ja, beim Anblick des Sarkophags direkt vor mir. Da stehen Sie vor so einem Ding, das die Weltgeschichte beeinflusst hat. Je weiter man sich dem Inneren der 30-Kilometer-Sperrzone um den Reaktor nähert, umso unheimlicher wird einem zu Mute. Man weiß nicht, was dort noch an Verstrahlung vorhanden ist und welche Gefahren einem drohen. Ich habe die Radioaktivität förmlich am eigenen Leib gespürt: ein merkwürdig eiserner Geschmack im Mund, und die Zunge fühlt sich taub an. Ich hätte es nie für möglich gehalten, das man das auch schmecken kann. Nicht nur in dem Sperrgebiet um Tschernobyl, sogar im viele Kilometer entfernten Weißrussland.
Wie haben Sie das Erlebte umgesetzt?
Es ist eine Dokumentararbeit mit einem stark konzeptionellen Ansatz. Ich komme aus der Architekturfotografie, deshalb auch die Verwendung der Großbildkamera und eines Stativs. Dieser Prozess dauert natürlich länger. Ich mache meine Aufnahmen nicht mit diesem inflationären Ansatz wie in der digitalen Fotografie. Die Bilder wurden über einen längeren Zeitraum komponiert, sie strahlen deshalb insgesamt eine gewisse Ruhe aus. Natürlich spielt auch der Umgang mit Menschen, das Dokumentieren von Zeit und Situation eine ganz entscheidende Rolle für mich.
Fühlen Sie sich als Chronist des Super-GAUs?
Nein, für mich ist es eine Dokumentation, die ich noch zwei, drei Jahre fortführen möchte. Ich recherchiere gerade die Liquidatoren, die Helfer von damals. Das waren hauptsächlich junge Wehrpflichtige, Feuerwehrleute und Polizisten. Die mussten den Brand im Reaktor löschen und Leute in Sicherheit bringen. Die meisten von ihnen sind inzwischen tot. Aber einige leben immer noch, trotz schwerer gesundheitlichen Folgen durch die Verstrahlung. Kaum jemand kümmert sich um sie. Zehn dieser Liquidatoren habe ich bereits porträtiert, fünfzig möchte ich insgesamt fotografieren. Ihre Geschichten sind wahnsinnig. Ich hatte mir ursprünglich sechs Porträts pro Tag vorgenommen. Aber das hält man kaum durch. Man muss bei ihren Erzählungen dauernd schlucken, um dann festzustellen: So, jetzt kann ich erst mal nicht mehr.
Worin besteht die Aufgabe der dokumentarischen Fotografie?
Durch sie können wir unserer nachfolgenden Generation von der Vergangenheit erzählen. Die Bedeutung des Bildes wurde in den letzten Jahren sehr abgewertet durch das Massenphänomen des Fotografierens und die Entwicklung der digitalen Fotografie. Andererseits hat der Wert der dokumentarischen Fotografie einen großen Aufschwung erfahren. Denken wir an berühmte Fotografen wie August Sander oder Henri Cartier-Bresson. Sie haben ihre Zeit festgehalten, um zu dokumentieren und nicht, um Kunst zu machen. In der klassischen Fotografie werden sie heute hoch gehandelt.
Gemeinschaftsausstellung: Rüdiger Lubricht/Gerd Ludwig, „Tschernobyl – Leben mit einer Tragödie“, 18. September bis 30. Oktober 2009 in Berlin, loftgalerie für Fotografie. http://www.loftgalerie.de
Das Interview führte Sabine Tropp, seen.by