Urbane Strukturen wecken sein Interesse, doch Stadtlandschaften im klassischen Stil sucht man in Bialobrzeskis fotografischem Werk vergebens. In der Serie „Neontigers“ wirken die Kulissen von Shanghai, Hong Kong oder Kuala Lumpur mit ihren Straßenschluchten, Wohnsilos, Autobahnbrücken fast surreal. Durch lange Belichtugszeiten zerfließen Bewegungen bis zur Unsichtbarwerdung, Lichtquellen überleuchten die Kulissen, Tageszeiten sind nicht mehr eindeutig definierbar. „Lost in Transition“ beleuchtet die Peripherie großer Städte, geisterhaft strahlende Industrieansiedlungen vor brachliegenden Flächen. Und in „Paradise Now“ ahnt man hinter der Urnatur dschungelartigen Grüns die Straßenschneisen und Hausgiganten mehr, als dass man sie sieht. Die Bilder haben keine Titel, sie sind durchnummeriert. Es spielt keine Rolle ob Hanoi oder Jakarta. Natur und Zivilisation stoßen aufeinander. Offen ist, wer letztlich wen verdrängt.
Sie fotografieren seit Jahren immer wieder in asiatischen Großstädten. Was zieht Sie dort hin?
Ich habe eine grundsätzliche Affinität zu Asien. Wenn man häufig dort ist, entdeckt man interessante Sachen, die man meint, so noch nicht gesehen zu haben.
Was ist Ihr Thema beim Fotografieren?
Mir geht es darum zu sehen, wie wir sind. Ich sehe die Fotografie eher kulturell definiert. Große Städte sind eine Art Zivilisationsindikator. Sie prägen als erstes aus, was wir durchmachen. Doch mich beschäftigt nicht nur die Stadt. Ich habe auch „Heimat“ gemacht und jetzt ein Projekt zur Kulturlandschaft.
Bei „Paradise Now“ geht es im Wesentlichen darum, dass die Stadt sich über ihr Licht und ihre Energie in diesem Grün reflektiert. Dass wir das erste Mal in der Lage sind, Natur aus verschiedenen Lichtquellen beleuchtet zu sehen. Ich nenne das „vernacular light“. Früher gab es nur die Sonne, da kam das Licht aus einer Richtung. Jetzt in den Städten kommt es aus allen Richtungen. Das ist ein Phänomen, das absolut neu ist. Und bei einigen asiatischen Städten ist das ganz besonders der Fall.
Geht es Ihnen um das Aufeinandertreffen gegensätzlicher Phänomene?
Es geht gar nicht so sehr um den Gegensatz, sondern um den vermeintlichen Gegensatz von Stadt und Natur. Sie ist ja in Wirklichkeit abgezäunt und kultiviert. Sie kommt uns nur so wild vor, weil ich sie so fotografiert habe. Es ist eher ein Neondschungel im wirklichen Sinne des Wortes. Wenn man das Foto nur gegensätzlich formuliert, dann wird es sofort additiv und langweilig. Es funktioniert nur, wenn man das Gefühl hat, Entdecker-gleich aus dem Dschungel zu kommen und vermutet die Stadt dahinter nur. Da wird die Stadt wie in „Neon Tigers“ wieder zu einer Art Versprechen, wirkt gleichzeitig aber auch bedrohlich. Dieser Antagonismus ist immer da.
Widersprechen sich nicht das Thema der verschwenderischen Städte und die Ästhetik Ihrer Darstellung?
Die Bilder sind schön, das stimmt. Aber das Verschwenderische hat auch immer einen ästhetischen Wert. Ich meine, dass die Bilder aus ihrem Widerspruch erst ihre Kraft ziehen: von den Bildern angezogen zu sein und dann darüber zu reflektieren, was da eigentlich los ist und wie man damit umgeht. Ich glaube, dass uns bestimmte Dinge in der Erscheinung von Stadt und auch in der Verschwendung – wenn wir ehrlich sind – Spaß machen. Wir sind ja nicht nur vernünftig.
Welchen Stellenwert haben für Sie Bildbearbeitungsprogramme?
Für mich erweitern sie die Möglichkeiten, die man jetzt durch das digitale Arbeiten hat und sind eine große Erleichterung. Man ist dadurch nicht mehr nur an die Limitierung des Films gebunden. Ich kann jetzt einfach selbst bestimmen, ob zum Beispiel der Himmel in meinem Bild so oder anders blau wird. Früher war ich gezwungen, das so hinzunehmen. Unter diesem Gesichtspunkt ist das schon eine Befreiung.
Wohin steuern Ihrer Meinung nach die Fotokunst bzw. der Markt?
Ich denke in Richtung Überhitzung und Redundanz. Heute können Bilder von Hochschulabsolventen schon mal zweitausend Euro kosten. Zu oft sieht man eine große Leere, ein Mangel an Substanz in den Werken, keine Haltung dahinter. Fotografie wird als Kunst überschätzt. Aber die Fotografie ist als eine kulturelle Ausdrucksform in weiten Teilen der Öffentlichkeit noch immer unterbewertet.
Was raten Sie Ihren Studenten, um als Fotografen Erfolg zu haben?
Man sollte von seinem Tun sehr überzeugt sein und die Fotografie als kulturelles Werkzeug begreifen. Der Fotograf muss zwischen sich und der Welt eine Spannung aufbauen und diese wie in den anderen Künsten auch in eine eigene Sprache übersetzen. Es erfordert viel Willen und eine gewisse Egomanie, um entgegen jeder Chance durchzuhalten. Und das kann viele Jahre dauern.
Welches sind Ihre neuen Projekte?
Das erste heißt „Case Study Homes“ und wird gerade in der Frankfurter Galerie Lothar Albrecht ausgestellt. Ich habe eine Typologie von Hütten in einem Slum in Manila fotografiert. Es ist eine Architektur ohne Architekten, wieder eine Art „vernacular architecture“. Die Bilder erinnern frappierender Weise an die Bilder aus der Depression der 30er Jahre in Amerika. Sie wurden natürlich vor der Krise fotografiert. Aber was jetzt kulturell und soziologisch passiert, zeigt, dass sich der Blick auf die Dinge, die wir machen, ständig verändert und Ihnen eine andere Bedeutung verleiht.
Das zweite Projekt, das ich jetzt in Südafrika gemacht habe, waren 350 Stillleben in Slumhütten in einem Slum in der Nähe von Soweto. Dort werde ich dann noch mit einem Südafrikanischen Künstler zusammen arbeiten, der meine Bilder interpretiert und aus Müll geschmolzene, sehr großformatige Reliefs macht. Fotografien als auch einige Reliefs werden dann im nächsten Jahr ausgestellt.
„Paradise Now“, Peter Bialobrzeski, Hatje Cantz Verlag, 2009
© aller Abbildungen Peter Bialobrzeski
Seit vielen Jahren findet Peter Bialobrzeski als Fotograf internationale Anerkennung. Erarbeitet hat er sich die vor allem über Veröffentlichungen in namhaften Zeitschriften und Magazinen, u.a. im Spiegel, Geo, Merian und New York Times. Der gebürtige Wolfsburger studierte an der Folkwangschule in Essen und am London College of Printing. Seit 2002 ist er Professor an der Hochschule für Künste in Bremen. Mit dem World Press Photo Award wurde er 2003 in der Rubrik „Arts/Stories“ ausgezeichnet.
Das Interview führte Anna Wander, seen.by