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„Liebe im Sozialismus“

Die Wende feiert in diesem Jahr ihren zwanzigsten Geburtstag. Mit seinen Fotografien ist der Hallenser Olaf Martens populärer denn je: Seine Reportage- und Aktbilder zeigen private Ostwelten, die sich einst jenseits politischer Repressalien entfalten konnten. Er spricht über das Versauern vorm Bildschirm, Erotik als Ersatzbefriedigung und die Heimatlosigkeit im eigenen Land.

Warum sind gerade Ihre Fotos aus der früheren DDR heute noch so erfolgreich?

Ja, das ist verrückt. Ich habe ganz viel Anfragen von jungen Leuten, also der Generation nach mir, der Nintendogeneration. Die finden die Bilder abgefahren und das Realistische gut. Es gibt in der Fotografie gerade wieder so ein Umschwenken ins Authentische, Ehrliche, was auch in meinen Bildern eine große Rolle spielt. Heute ist der Computer das große Kommunikationsmittel. Doch er lässt nur wenig Erlebnisraum übrig. Wenn man mit anderen in Kontakt tritt, sitzt man vor dem Bildschirm und ist anonym. Ich mag das Internet nicht so gern und bearbeite am Computer nur meine Fotos, weiter nichts. Ich habe den Eindruck, viele denken inzwischen ähnlich, wollen rausgehen und was anderes machen. Meinen Studenten sage ich: Seid authentisch! Baut nicht die Sachen am Computer. Das wirkt alles kalt. Nehmt euch doch ’ne Braut, ein Mädel. Inszeniert eure Sachen mit jemandem, den ihr mögt und sucht euch Dinge aus der Realität. Das macht Spaß. Und wenn ihr alt seid, guckt euch eure Bilder an: Das habt ihr erlebt!

Ihre Aktbilder tragen den Titel „Patina“. Was bedeutet dieser Begriff bezogen auf die DDR?

Patina bedeutet für mich Bestand. Ich denke da an eine alte Mauer oder ein altes Haus. Man spürt die gewachsene Substanz. Ein Haus altert und man kann das sehen. Ich mag Sachen, die sich nicht so schnell verändern, also Bestand haben. Heutzutage ist alles sehr schnelllebig, ohne Sinn und Verstand. Dabei sind Wurzeln und Standbeine wichtig. Man hat die DDR den Leuten unter den Füßen weggehauen und alles verändert, sie heimatlos im eigenen Land gemacht. Neue Gesellschaftsstruktur, neue Gesetze, neue Werte. Fährt man in eine Stadt zurück, ist es nicht mehr die gleiche, in der man früher gelebt hat. Ein ganzes Land wurde abgewickelt. In diesem Heimatlosen klammert man sich an die Werte, die es noch gibt. Die Bilder zeigen Aufnahmen dieser verschwindenden alten Welt.

Welches Ziel verfolgten Sie im Osten mit Ihren Aktbildern?

Die Bilder entstanden in den 80ern in Halle und Leipzig. Es sollte eine Studie über Liebe im Sozialismus sein. Ich wollte den Zeitgeist im Kontrast zu den Aktsachen darstellen, die es gab und die sehr kitschig und unecht wirkten. Ich wollte provozieren. Es gab bis dahin nur eine Art erzgebirgische Gardinenfotografie, hausbacken und kunstgewerblich. Ich komme eigentlich aus der Reportagefotografie, die hier auch zum Tragen kommt, nur eben im Intimraum. Natürlich inszeniert man, aber in realen Räumen mit realen Menschen. Meine Models waren keine Profis, sondern Laien, Schauspieler, Künstler oder Leute von der Straße. Im Westen schob man mich in die Nische Aktfotografie, der Stern betitelte mich als ostdeutschen Helmut Newton. Das ist Blödsinn. Damals gab es im Osten keine Vogue oder ähnliche Magazine. Es existierte kaum westliches Bildmaterial.

Wie sah Erotik in der DDR in den Achtzigern im Gegensatz zum Westen aus?

Die DDR war was das angelangt für westliche Verhältnisse völlig unmoralisch. Im Westen bediente Ende der Achtziger eine ganze Industrie unausgelebte sexuelle Bedürfnisse, während sie im Osten gelebt wurden. Eigentlich war die DDR, was das Zusammenleben von Menschen in puncto Liebe betraf, blanke Anarchie. Als eine Art Ersatzbefriedigung gegenüber einer Diktatur, einem System, das politisch Knebel und Fesseln anlegte. Irgendwo musste man sich ja ausleben, sonst hätten alle eine Psychose gekriegt. Natürlich steckt in den Bildern nicht nur die gesellschaftliche Komponente. Es ist auch eine Huldigung an die Schönheit und die Lust. Auch wenn das Wort Huldigung antiquiert klingt. Ich wollte etwas real darstellen, gleichzeitig aber auch schön.

Was unterscheidet Ihre Arbeit von der anderer Fotografen?

Heute wird in der Bildästhetik oft glattretuschiert. Man nimmt alle Fehler weg, dadurch wirkt das Bild platt. Doch dabei ist das Unperfekte das eigentlich Schöne. Es bedeutet gleichzeitig auch Mannigfaltigkeit. Jedes Bild hat eine individuelle Geschichte. Ich finde Orte, die schon lange existieren und sich kaum verändern, schön. Das Alte hat eine Seele. Man sieht die Patina einer alten Wand oder alter Möbel und spürt, dass hier Menschen gelebt haben. Sie hat eine andere Aura als das Neue. Man fühlt sich in Räumlichkeiten wohl, in denen sich Menschen früher schon wohl gefühlt haben. Wenn man immer wieder neue Sachen macht, die Gesellschaft sich dauernd verändert, hat man keine Stabilität mehr unter den Füßen.

Was zeichnet den persönlichen Stil Ihrer Bilder aus?

Ich habe meine Arbeit in Kunstgeschichte über italienischen Manierismus gemacht und bin ein großer Fan der Malerei und Bildhauerei dieser Zeit. Künstler wie Parmigianino, Pontormo und El Greco haben mich geprägt, ihre Liebe zur Übertreibung und die kräftigen Farben ihrer Gemälde. Lange Figuren, verzerrte Proportionen. Deshalb auch die Patina-Geschichte mit ihren alten Räumen, den alten Wänden und den übertriebenen Formen. Viele Leute sind erstaunt, dass meine Bilder analog entstanden sind, aber ich fotografiere nie digital.

Sie fotografieren auch Mode. Was reizt Sie an einem vordergründig eher banalen Thema?

Auch Modefotografie kann authentisch sein, sie sollte den Zeitgeist repräsentieren. Ein Beispiel sind meine Bilder von Bademoden, die ich in Aserbaidschan gemacht habe, in Verknüpfung mit dem aktuellen Thema Öl. In der Nähe der Hauptstadt Baku gibt es ein großes Gebiet, das nur aus Öl-Bohrmasten und Tanks besteht, die wie Wälder aussehen. Die raue Realität konterkariert den Schick der Mode. Solche Brüche transportieren neben der Mode auch eine Aussage. Aber es ist schwierig, mit solchen Themen zu überzeugen. Die meisten Redaktionen kaufen ihre Sachen aus einem Gemeinschaftstopf und greifen dann doch lieber zu einem glatten, schönen Shoot in Südafrika aus dem Hotelzimmer. Es gibt kaum noch Eigenproduktionen. Jedes Heft sieht gleich aus.

Woran arbeiten Sie gerade?

Ich habe gerade ein Projekt in St. Petersburg organisiert. Dort gibt es eine sehr schöne Kirche. Sie ist in den 20er Jahren entweiht worden und dient inzwischen als Ausbildungsstätte der russischen U-Bootflotte. Da kommt man nicht ohne weiteres rein, das ist Sperrzone. Ich habe dort ein Shooting gemacht. Torpedorohre, Wasserbassins, U-Bootattrappen und mitten in der Kirche ein riesiger Wassertank, in dem die Soldaten üben. Überall hängen Taucheranzüge rum. Das ist ganz schön schräg. Solche Geschichten sammle ich. Ich suche immer Räume, die nicht wirklich scheinen. Sie erzählen Kulturgeschichte, wie sich Dinge und Werte im Lauf der Zeit verändern.

www.olafmartens.com
© aller Abbildungen: Olaf Martens

Zur Person

Der 1963 in Halle geborene Olaf Martens begann 1985 sein Studium an der Hochschule für Graphik und Buchkunst in Leipzig und schloss dort 1992 sein Meisterstudium ab. Der Durchbruch gelang ihm 1990 mit der Veröffentlichung seiner Aktbilder im „Stern“. Mit seinen ironischen und hintergründigen Fotos gehört Martens inzwischen zur Gilde der populärsten deutschen Fotografen.

Das Interview führte Sabine Tropp, seen.by.