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Ganz normale Dominas

Warum lassen sich Frauen nackt und zu Paketen verschnürt an die Decke hängen? Was ist an Fesseln, Knebeln und Peitschen erotisch? Wo liegt die Grenze zwischen Normalität und Perversion? Diesen und anderen Fragen versucht die kanadische Fotografin Nathalie Daoust im bekanntesten SM-Hotel Tokios auf den Grund zu gehen.

Frau Daoust, was hat Sie ins „Alpha In“ geführt – in das berühmteste SM-Hotel Tokios?

Meine Vorurteile. Ich hasse es, welche zu haben. Bei SM war es: Das machen nur Leute, die Probleme haben. Wenn ich mich bei solch vorgefertigten Meinungen ertappe, versuche ich den Realitätstest. Ich habe viel in den „Love Hotels“ in Tokio fotografiert, nur im „Alpha In“ durfte ich keine Aufnahmen machen. Das hat mich gereizt.

Wie haben Sie es geschafft, dort doch fotografieren zu dürfen?

Ich habe den Besitzer besser kennengelernt, irgendwann sagte er: Okay, aber nur die Räume, nicht die Frauen. Er hat mich dann sechs Stunden lang durchs ganze Hotel geführt und mir zu jedem Raum eine Geschichte erzählt. Über Fesseltechniken, Spielzeuge. Später schenkte ich ihm mein Buch „New York Hotel Story“, für das ich in einem Künstlerhotel in New York fotografiert hatte. Da hat er gesehen, dass es mir um Kunst geht, nicht um Sensationsgier. Danach durfte ich auch die Frauen fotografieren.

Wie haben die Frauen reagiert?

Für Dominas waren sie sehr unterwürfig, sie taten alles, was ich sagte. Nein, im Ernst, nachdem ich das Okay des Besitzers hatte, waren sie sehr offen. Ich war vier Monate lang jeden Tag dort, von morgens bis abends. Mich hat fasziniert, was für eine eingeschworene Gemeinschaft das war. Wie eine Familie, fast wie eine Religion. Sie haben Sachen zusammen unternommen, gemeinsam gekocht. Es war keine anonyme Prostitution.

Wann haben Sie dann begonnen, zu fotografieren?

Wir haben uns erst lange unterhalten. Das ist für mich das Beste und Wichtigste am Fotografieren - der soziale Kontakt. Zu erfahren: Wer sind sie, wie ist ihre Welt. Die Fotos entstanden eher nebenbei. Jede hat ihre Spezialität, die habe ich in Szene gesetzt. Sie sind alle Performer. Sie werden eine völlig andere Person. Es ist eine große Inszenierung, eine Fantasiewelt.

Die letztendlich doch aus dem Verkaufen des eigenen Körpers besteht...

Im „Alpha In“ sagen alle Frauen, sie sind keine Prostituierten. Sie täten zwar Dinge, die man als Prostitution bezeichnen könnte, aber sie nennen sich „Dominatrix“. Als Domina kontrolliert nicht der Freier sie, sondern sie behalten die Kontrolle. Es gibt im Hotel auch Frauen, die als Sklavinnen arbeiten, aber mich haben die Dominas mehr interessiert. Gerade weil in der japanischen Kultur Frauen sonst die Passiven sind.

Wie hat sich Ihre Meinung zur Prostitution durch die Gespräche mit den Frauen verändert?

Ich werbe nicht für Prostitution, aber ich verdamme sie auch nicht. Es ist eine freie Wahl. Nicht, wenn sie auf Armut basiert, aber die Frauen im „Alpha In“ haben sich dafür bewusst entschieden. Weil es ihrer Meinung nach eine Form ist, leicht Geld zu verdienen. Oder weil sie es mögen. Eine Zahnärztin war darunter, die in ihrer sozialen Schicht ihre Vorlieben nicht ausleben konnte. Jetzt bekommt sie Geld dafür. Die Frauen haben mir ihre Lebensgeschichten erzählt. Das waren nicht nur diese Geschichten von der traurigen Kindheit. Das könnten Sie oder ich sein. Die Leute denken, diese Frauen werden alle manipuliert. Aber diese Sicht entwürdigt sie auch.

Sie haben für „Street Kiss Brazil“ zuvor auch in einem Bordell in einem der ärmsten Viertel von Rio de Janeiro fotografiert. Wie haben Sie es dort empfunden?

Die Menschen dort waren sehr arm – anders als in Tokio. Viele der Frauen dort hatten tatsächlich keine andere Wahl, als ihren Körper zu verkaufen. Aber eine 70-jährige Prostituierte dort antwortete auf die Frage, ob sie ihr Leben noch ein Mal so leben würden, eindeutig „Ja“. Sie sagte: „Ich werde dafür bezahlt, auf dem Rücken zu liegen. Natürlich hat es auch negative Seiten, aber die gibt es beim Kloputzen auch.“ Mich interessiert die Psychologie dahinter, anstatt zu sagen: Prostituierte sind alles zerstörte Seelen, und die Freier böse Menschen.

Haben Sie in Tokio auch Freier kennengelernt?

Ja. Viele der Kunden sind in mächtigen Positionen, es ist ihre Möglichkeit, für ein paar Stunden die Macht abzugeben. Nichts denken, nichts tun, nichts entscheiden zu müssen. Dieser Eskapismus fasziniert mich. Was Menschen alles tun, um für gewisse Zeit auszusteigen, geistig, körperlich. All die Dinge, die Orte, die erschaffen werden, um aus der Realität zu fliehen. Darum geht es in vielen meiner Arbeiten.

Und wohin entfliehen Sie?

Mein Eskapismus ist es, hineinzugehen in die Welten, in die andere entfliehen. Ich bin ein Voyeur, die Kamera ist meine Ausrede. Sie ist wie eine Karte, die Türen öffnet. Mit meiner Fotografie versuche ich, Realität und Fantasiewelt abzubilden – und wie sie einander überlappen.

Wie setzen Sie das technisch um?

Ich fotografiere analog und bearbeite die Bilder in der Dunkelkammer. Die Atmosphäre, die ich beim Fotografieren spüre, soll herauskommen. Dafür rolle ich dann zum Beispiel das Negativ etwas auf. Ein Teil des Prints ist klar, ein anderer verschwommen. Wie im Leben, wo einem manchmal nur Teile real erscheinen und der Rest wie Illusion.

Hatten Sie beim Fotografieren Grenzen?

Für mich gibt es keine Tabus. Aber was ich zeigen wollte, war nicht das Schockierende oder Provozierende. Nichts Sensationslüsternes. Eher das Natürliche. Ein Moment im Arbeitsleben der Dominas.

Und was ist aus Ihren Vorurteilen gegenüber SM geworden?

Ich praktiziere es selbst nicht, aber ich verstehe jetzt besser, warum manche daran Spaß haben. Ich habe in Tokio ein paar Privatstunden bei einem bekannten Shibari-Künstler genommen. Diese japanische Fesseltechnik ist ein altes Kulturgut, sehr faszinierend. Vielleicht ist SM in Japan auch deshalb so toleriert.

Sie leben seit acht Jahren in Berlin – wie ist es dort?

Hier wird SM eher in versteckten Communitys ausgelebt. In Japan gibt es große öffentliche SM-Partys. Dort ist keine Sex-Fantasie tabu. Es gibt sogar einen Verleih für Sexpuppen. Du kannst alles machen, was du willst, oder jemanden finden, den du dafür bezahlen kannst. Warum immer alles unterdrücken, wenn du damit niemandem schadest? Aber in einem ist Deutschland vorn: Die Frauen aus Tokio kommen gerne nach Berlin, um einzukaufen. Denn das beste Sexspielzeug gibt es offenbar hier.

Das Interview führte Daniela Zinser für seen.by im Januar 2013.

Weitere Informationen

Webseite: www.daoustnathalie.com

Über die Künstlerin: Nathalie Daoust, geboren 1977 in Kanada, hat in Montreal am „Cégep du Vieux Montréal“ Fotografie studiert. Für ihre erste große Fotoarbeit und ihr erstes Buch lebte sie zwei Jahre lang im „Charlton Arms Hotel“ in New York, um dort die von verschiedenen Künstlern gestalteten Räume aufzunehmen. Dort erfuhr sie von den „Love Hotels“ in Tokio, Thema ihrer nächsten Fotoserie. Später kehrte sie nach Japan zurück, um vier Monate lang die Dominas im bekannten SM-Hotel „Alpha In“ zu porträtieren. Ob sie einen Mann begleitet, der sich für Mao Zedong hält („Impersonating Mao“), die Schweizer Alpen fotografiert oder wie für ihr aktuelles Projekt Massagesalons in China, immer geht es Nathalie Daoust um die fließenden Grenzen zwischen Realität und Fantasie und die Wege, der Wirklichkeit zu entfliehen, wenn auch nur für Stunden.

Copyright der Abbildungen:

© Nathalie Daoust

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