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„Meine Bilder sollen befrieden“

Der Wald, Ort von Märchen und Erinnerungen, von Ruhe und Geheimnis. Ort für Erholung und Verbrechen, für Naturerfahrung und Einsamkeit. Drei Jahre lang hat der Hamburger Fotograf Michael Lange für sein Projekt „Wald. Landschaften der Erinnerung“ deutsche Wälder durchstreift, den Mythen auf der Spur. Ob seine Aufnahmen Tannen zeigen, Birken, Farne, Sträucher, Unterholz, Moos oder Tümpel, immer sucht Lange nach der Stille im Bild. Seine Arbeiten sind derzeit zum „Europäischen Monat der Fotografie“ in der Alfred Ehrhardt Stiftung in Berlin zu sehen.

Herr Lange, Ihre Bilder sind bei strömendem Regen entstanden oder in der Dämmerung. Mögen Sie keine Sonne?

Oh, doch. Der Wald im Sonnenlicht ist wunderschön. Es überwältigt dich und du weißt gar nicht, wohin mit all den Eindrücken. Aber diese Intensität hat es auch etwas sehr Lautes. Was ich gesucht habe, fand ich im Zwielicht. Wenn die Farben zurückgehen, die Vögel verstummen, alles weicher wird. Ich war draußen, wenn niemand mehr im Wald sein will. Der Aspekt des Wetters ist nur wichtig für die Stimmungen in den Bildern. Darüber hinaus spielt es keine Rolle, ob es regnet oder neblig ist, ob es morgens ist oder Raureif auf den Blättern liegt. Es ist auch egal, wo das Foto entstanden ist; der geografische Ort ist unwichtig. Deshalb gibt es keine Titel, sondern nur willkürliche Bildnummern. Es geht mir um die Stimmungen.

Allein in der Dämmerung, das klingt nicht gerade einladend...

Oft wollte ich gar nicht mehr gehen. Alles fährt förmlich runter. Es ist wirklich friedlich. Nein, das ist das falsche Wort. Befriedend ist besser. Für mich ist der Wald der Ort meiner Kindheit. Ich bin im Odenwald aufgewachsen und oft in den Wald geflohen. Da fühlte ich mich sicher. Niemand hat etwas gefordert, ich war ganz für mich. Wald, das ist ein idealer Rückzugsort für mich.

Ihre Bilder strahlen eine große Ruhe aus – eine unheimliche Ruhe, mögen manche sagen...

Jeder trägt sein eigenes Waldbild in sich. Ich gebe nichts vor. Ich bin schließlich kein Dokumentarfotograf. Manche gruseln sich, andere sind berührt. Künstlerische Fotografie ist immer auch ein Psychogramm des Fotografen. Ich erzähle etwas über mich, dadurch entsteht Resonanz, wie bei Gitarrenseiten, die miteinander schwingen. Am häufigsten höre ich, wie wohltuend die Stille in den Bildern ist.

Woher kommt diese Sehnsucht nach Stille?

Einerseits durch meine eigene innere Unruhe, andererseits überschwemmt uns Tag für Tag eine Flut an Bildern, die immer brutaler werden. Allein die ganzen Fotos aus Kriegsgebieten. Und all die Informationen aus dem Internet zwingen uns geradezu in die Unruhe. Ich habe einen Raum gesucht, der zeit- und auch auf eine Art ortlos ist.

Norddeutsche Forste, Pfälzer Wald, Solling im Weserbergland – nur drei Beispiele für Waldgebiete, in denen sie von 2009 bis 2011 unterwegs waren. Wie muss man sich so einen Tag im Wald vorstellen?

Ohne die Unterstützung der Landesforste und Privatwaldbesitzer wäre das Projekt nicht zu realisieren gewesen. So konnte ich mich frei bewegen im Wald. Ich bin viel rumgefahren, manchmal sieben, acht Stunden lang. Bis ich etwas entdeckte, was mich ansprach. Ein Stück Wald, das völlig unberührt aussah. Ein Teich. Eine Formation Tannen. Ein Mal habe ich ein Motiv direkt aus dem Autofenster entdeckt, meistens aber bin ich tief rein ins Dickicht gelaufen. Wenn ich eine interessante Stelle fand, habe ich sie markiert und Testbilder gemacht.

Um in der Dämmerung wiederzukommen?

Ja, oder bei entsprechendem Wetter. An einen Ort in einem Wald bei Hamburg bin ich fünf Mal gefahren, immer, wenn Regen angesagt war. Beim letzten Mal hatte ich gerade die Kamera aufgebaut, da ging der erwartete Platzregen nieder. Ich hatte nur zwei Minuten für das Bild, bis es wieder vorbei war. Es ist immer ein Lauf gegen die Zeit. Ich muss vorher genau wissen, welchen Ausschnitt ich haben will. Ist es nass und rutschig, kann ich die Kameraposition nicht dauernd ändern.

Wieso ist der Regen so wichtig, wenn man ihn auf den Bildern gar nicht so wahrnimmt?

Das Licht wird durch den Regen gebrochen, zugleich nimmt dieser auch die Farbe raus, das Bild wird zum Beispiel silbern, monochromer und stiller. Starkregen erzeugt einen feinen Nebel, der die Illusion von Raumtiefe erweckt, zugleich aber auch den Blick begrenzt. Ich öffne die Bilder damit zwar, es bleibt aber trotzdem ein geschlossener Raum.

Sieht man deshalb auf Ihren Wald-Fotografien nie den Himmel oder den Horizont?

Ja. Es soll ein abgeschirmter Raum sein, der etwas Gebärmutterhaftes hat. Um das hinzukriegen, müssen viele Details berücksichtigt werden: Wie viel Kontrast ist in den Bildern, wie ist das Verhältnis von vorne zu hinten, wie viel Waldboden ist zu sehen, wo begrenze ich das Bild, welcher Ast, welcher Baum ist noch mit im Bild, aus welcher Perspektive nehme ich auf? Manchmal ist es sehr schwierig, die richtige Kameraposition zu finden.

Wie bewerkstelligen Sie das technisch?

Ich arbeite mit einer Fachkamera, einem digitalen Rückteil und mit einer Normaloptik. Ein Teil meiner Arbeiten sind Diptychen oder Triptychen, also aus zwei Querformaten, oder drei hochformatigen Bildern zusammengesetzt. Sehr wichtig sind auch das richtige Fotopapier und der Druck.

Ihre Fotografien wirken fast malerisch. Wie viel helfen Sie da nach?

Wenn ich malen könnte, würde ich malen. Ich liebe Photoshop, denn es ist ein sehr kreatives Werkzeug und in manchen Situationen kann man damit sehr malerisch umgehen. Manche Fotos sind so gut wie gar nicht bearbeitet, bei anderen drehe ich mehr, an der Farbe oder Sättigung, der Balance, der Lichtbestimmung - bis ich „mein“ Bild habe.

Für viele ist photoshopped ein Schimpfwort...

.. und das Analoge ist das Hehre. Aber Fotografie ist Manipulation. Das beginnt schon damit, welche Kamera ich in die Hand nehme. Es ist immer eine Entscheidung – früher war es die Wahl des Films. Ein Problem der digitalen Fotografie ist, dass der Sensor alle Interpretationen offen lässt. Ich muss mich entscheiden wie das Bild sein soll. Wichtig ist mir, dass es fotografisch stimmig ist. Was ich aussagen will, muss glaubhaft sein. Fotografie ist immer Interpretation. Die authentische Landschaft gibt es nicht. Wir sehen mit unserem kulturellen Erbe und unserer Erfahrung Landschaft auf eine bestimmt Weise. Wir filtern immer - ob mit dem Auge oder der Kamera.

Und wie sehen Sie den Wald nun?

Als etwa sehr Vergängliches. Man denkt immer: Der Wald ist in hundert Jahren noch so. Dabei ist der deutsche Wald so, wie wir ihn kennen, noch gar nicht so alt. Zwischen 1750 und 1900 wurde er aufgeforstet. Davor war alles abgeholzt. Und viele der Situationen, die ich fotografiert habe, gibt es nur noch in meinen Bildern. Die Realität wird vom Holzhandel bestimmt, denn unsere Wälder sind überwiegend Profitcenter geworden.

Das Interview führte Daniela Zinser für seen.by im Oktober 2012.

Weitere Informationen und Bilder

Homepage: www.michaellange.eu

Michael Langes Bildband „Wald“ mit Texten von Wolfgang Denkel und Christoph Schaden ist im Hatje Cantz Verlag erschienen, 72 Seiten, 32 farbige Abbildungen, 45 Euro. Als signierte, limitierte Collectors Edition mit einem Print nach Wahl, 390 Euro bis Ende Oktober.

Eine Auswahl der „Wald“-Bilder ist im Großformat bis zum 23. Dezember 2012 in der Alfred Ehrhard Stiftung, Auguststraße 75, 10117 Berlin (Mitte) zu sehen. Geöffnet Di. bis So. 11 bis 18 Uhr, Donnerstag bis 21 Uhr. www.alfred-ehrhardt-stiftung.de

Gezeigt wird die Arbeit auch in Hamburg und zwar vom 18. Januar bis 6. März in der Robert Morat Galerie, Kleine Reichenstraße 1, 20457 Hamburg. www.robertmorat.de

Informationen zum „Europäischen Monat der Fotografie“ in Berlin mit Ausstellungen an 100 Orten und 500 Fotografen (19. Oktober bis 25. November) unter www.mdf-berlin.de .

Copyright der Abbildungen:

© Michael Lange

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