Zu welchem Zeitpunkt begannen Sie an diesem Tag zu fotografieren?
Diese Bilder entstanden unmittelbar nach den Ereignissen. Ich hatte eine Greencard gewonnen und war gerade nach Manhattan gereist, um dort zu leben und zu arbeiten. Am 11. September hörte ich morgens den ersten Flieger über dem Haus, in dem mein Apartment lag. Und dachte nur, dass der aber sehr tief unterwegs sei. Zwei, drei Minuten später ertönten die ersten Feuerwehrsirenen. Ich zog mich an, verließ die Wohnung und wollte mir etwas zum Frühstücken holen. Als ich bei der 6. Avenue um die Ecke bog, sah ich, dass aus den Türmen Rauch quoll. Ich lief zurück und holte meine Kamera.
Wie empfanden Sie die Situation? Die Menschen auf Ihren Bildern mit den beiden qualmenden Türmen im Hintergrund wirken unaufgeregt...
Das Leben schien ganz normal weiterzugehen. Die Menschen glaubten, die Hochhäuser seien so gebaut, dass ein Flugzeug ruhig hinein fliegen könne. Die hielten das schon aus. Man stand auf der Straße und dachte: Da geht jetzt die Feuerwehr hoch, löscht und gut ist! Es war schlimm, aber es gab diese persönliche Betroffenheit noch nicht. Die kam schlagartig mit dem Einsturz der Gebäude. Ein sehr wichtiges Bild für mich entstand kurze Zeit später. Der New Yorker an sich lässt sich selten von etwas aus der Ruhe bringen. Aber das war der Moment, wo alles kippte, weg von dem distanzierten Betrachten des Geschehens. Das Entsetzen war den Menschen förmlich ins Gesicht geschrieben.
Was hebt Ihre Motive von den bekannten Bildern aus den Medien ab?
Sie erschließen sich erst auf den zweiten Blick. Es sind nicht diese bekannten Motive brennender Ruinen und einstürzender Bauten. Natürlich ist es für einen Fotografen reizvoll, mitten in solch einer Situation spektakuläre Bilder zu machen. Aber ich bin weder ein Kriegs- noch ein Reportagefotograf, der das blanke Grauen fotografieren will. Ich habe immer Abstand gehalten. Es ging mir nie darum, sensationslüsterne Bilder zu machen und zu verkaufen. Gleichzeitig versuchte ich, über die Kamera das Geschehene für mich zu begreifen, sie gab mir Hilfestellung. Als ich die Bilder machte war ich in einer gewissen Weise, wenn man das so sagen kann, nicht ganz bei Sinnen durch den Schock der Ereignisse.
Auf welcher Ebene fand Ihre Arbeit über den 11. September statt?
Sie zeigt das Geschehen als Wirklichkeit, wie ich sie gesehen habe. Die meisten Menschen kannten die Ereignisse aus dem Fernseher und waren vermeintlich ganz nahe dran. Ich kannte diese als „War on Terror“ inszenierten Aufnahmen zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Vieles funktionierte im Süden Manhattans nicht mehr. Man konnte zum Beispiel nicht anrufen oder angerufen werden. Es war eine diffuse Informationslage. Das war meine Realität. Von der Rezeption her eine ganz andere Geschichte als die der Medien.
Da wir gerade über Medien sprechen. Was verbirgt sich hinter der Medienpräsenz auf einem Ihrer Bilder? Es erinnert mehr an ein Set bei einer Filmproduktion und weniger an die Berichterstattung über eine Katastrophe...
Das Tragische an diesem Foto ist der Hintergrund, vor dem es entstand. Die New Yorker hatten sich nach Blutgruppen in Schlangen aufgestellt, um Blut zu spenden. Diese Medienmeute, die da vor dem Krankenhaus steht, hatte jedoch erwartet, dass Verletzte angeliefert werden. Aber es gab so gut wie keine Verletzten auf Ground Zero. Denn die meisten Opfer waren tot. Die Journalisten warteten vergeblich auf ihre Bilder des Grauens.
Sieht man von dem Hintergrund ab, vor dem es entstanden ist, erinnert das Bild mit den Feuerwehrleuten an die Straßenfotografie eines Joel Sternfeld oder Gary Mark Smith.
Manche Bilder muten tatsächlich wie klassische amerikanische Streetart-Fotos an. Bei diesem Motiv war ich am Tag nach dem Einsturz der Gebäude mit der Kamera in den Straßen im südlichen Manhattan unterwegs. Ein Schwarzer lief mit der US-Fahne vorüber, hinter ihm marschierten mit energischem Schritt New Yorker Feuerwehrmänner. Das ist ein sehr typisches Verhalten für die Amerikaner. Sie waren zunächst zutiefst geschockt über das Vorgefallene. Aber dann gingen sie in den Modus über: Wir packen das an und wir schaffen das.
Was denken Sie, wenn Sie heute auf die Bilder schauen?
Ich kehrte ein paar Jahre später nach New York zurück. Die Nachtserie "NYX" entstand durch den 11. September inspiriert. Auf einem Bild sieht man beispielsweise den Holland-Tunnel. Als ich die Negative für die Ausstellung im September durchgearbeitet habe, fand ich ein Foto, das ich 2001 genau aus dieser Position tagsüber gemacht hatte. Auch menschenleer und ohne Autos. Das sind die Details, durch die ich zehn Jahre später feststelle, dass die Bilder von damals immer noch im Unterbewusstsein arbeiten.
Wie beeinflusste Sie der 11. September 2001 als Fotograf?
Es war die Konsequenz daraus. Ich hatte bis 1998 in Wien als Fotograf gearbeitet, dann allerdings Ausflüge in die Internet- und die Modebranche gemacht. Danach bin ich wieder zur Fotografie zurückgekehrt.
Hat das Erlebte Ihre Art zu fotografieren verändert?
Sicherlich, ja. Meine Idee geht, was das Städtische, Urbane und dessen Betrachtung als Thema betrifft, nicht nur auf die distanzierende Sachlichkeit der "Düsseldorfer Photoschule" zurück. Die menschenleeren Situationen auf meinen später entstandenen Nachtfotografien von Großstädten ähneln denen des ausgestorbenen südlichen Manhattans von damals. Auch meine aus dem Abstand beobachtende Position zu den Motiven der Serie 9/11. Der Mensch tritt als Bildinhalt zurück, ist nur noch Betrachter.
Meine neuen Arbeiten handeln auf formal strenge, überhöhte Weise von der Sichtbarmachung baulicher Zusammenhänge, den Ort Stadt mit seinen Strukturen visuell so darzustellen, dass man ihn wieder sieht. Plätze, die man jeden Tag durchkreuzt und durchquert, aber nur noch haptisch erfährt und nicht mehr visuell. So entstanden auch die Ansichten, die eine neue Wahrnehmung eines bekannten Ortes wie beispielsweise New York ermöglichten.
Das Interview führte Sabine Tropp für seen.by
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© Jürgen Pollak