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"Der selbstgefällige Heimatstolz nervt"

Münster, die beschauliche Studentenstadt mit den vielen Radfahrern, dem Schloss und dem See, mit dem „Tatort“ mit der Rekordquote und dem vielleicht sympathischsten Ermittlerteam – an so einem Ort ist doch alles wunderbar. Nicht ganz. Schauspieler Tilman Rademacher und Fotograf Hanno Endres haben in Münsters Abgründe geschaut.

Herr Rademacher, Herr Endres, was nervt Sie am meisten am schönen Münster?

Tilman Rademacher: Eindeutig dieser tumbe, selbstgefällige Heimatstolz, der einem hier entgegen schlägt. Dieser übertrieben zur Schau gestellte Stolz, der in dem Etikett „Münster, die lebenswerteste Stadt der Welt“ gipfelt, mit dem das Stadtmarketing gerne wirbt. Münster ist schön, wird aber bis zum Exitus tourimäßig ausgeschlachtet.

Hanno Endres: Obwohl es hier eigentlich gar nicht so viel zu sehen gibt, außer ein paar hundert Meter Radweg, den Prinzipalmarkt und die Orte, an denen „Wilsberg“ gedreht wird. Dann noch einmal am Schloss vorbei und schon ist die Tour fertig. Trotzdem gibt es sechs verschiedene Varianten, wie man sich als Tourist durch Münster fahren lassen kann.

„Münster morbid“ ist also so was wie das Gegengift gegen die heile Welt?

Tilman Rademacher: Wir wollten dem Marketing was entgegensetzen. Die Idee, Münster mal von seiner hässlichen Seite zu zeigen, hatte ich in der Kneipe. Ein Bekannter kam rein und erzählte, er hätte gerade die Stationen seiner Jugend in Münster abfotografiert. Aber das Licht sei sehr ungünstig gewesen und dadurch hätten die Fotos alle so einen morbiden Charme. Das haben Hanno und ich aufgegriffen. Erst haben wir überlegt, ob wir realistisch zum Beispiel die Junkies hinterm Bahnhof zeigen sollen. Aber wir wollten das Ganze ironisch brechen und haben uns für die konsequente Inszenierung entschieden.

Hanno Endres: Die Episode „Aaseeschluck“, wo der Rocker seinen Schuldner mit dem Kopf voran in den Aasee drückt, zeigt die Widersprüche besonders gut. Der See in der Stadt gilt als wunderschön und im Münster-Souvenirshop wird sogar Schnaps unter dem Namen „Aaseeschlückchen“ verkauft. Aber bei Wikipedia kann man nachlesen, dass die Wasserqualität im Sommer so schlecht ist, dass es bei Kontakt zu Ekzemen und bei Verschlucken zu tödlichen Krankheiten kommen kann. Denn der See ist voller Blaualgen.

In anderen Episoden Ihrer Fotoserie sitzt ein Burschenschafter vor dem Schloss und gibt sich einen Schuss, ein Pfarrer zerrt einen kleinen Jungen hinter sich her, ein Paar vergnügt sich auf dem Send, der Kirmes in Münster, und auf einem weiteren Bild pinkelt einer in den Hafen. Wie sind Sie auf diese Themen gekommen?

Tilman Rademacher: Weil ich auf einer konservativen Schule war und einige der Ex-Schüler gewissen Studentenverbindungen beitreten und immer noch Lieder wie „O alte Burschenherrlichkeit“ gesungen werden, entstand – in Verbindung mit dem realen Junkie-Elend - die Idee für den Burschenschafter-Junkie. Danach haben wir geguckt, was das schöne Münster noch alles an Angriffsflächen bietet.

Hanno Endres: Alles beruht auf Fakten. Die realen Hintergründe haben wir aus Zeitungsschnipseln, von Wikipedia oder aus Behördenmitteilungen. Das dort Beschriebene haben wir lediglich satirisch visualisiert. Die Fotos sollten morbide aussehen, aber bei aller drastischen Inszenierung doch Ruhe ausstrahlen. Zudem bestehen die Fotos fast nur aus den Farben des münsterschen Stadtwappens oder Mischungen daraus, also aus Rot und Weiß und Gelb.

Wo haben Sie die Darsteller gefunden?

Hanno Endres: Wir hatten von Anfang an die großartige Unterstützung von vielen bekannten Leuten aus der Münsteraner Kulturszene. Johnny Ketzel, Bandleader von „Johnny Ketzel & die Schließer“ war genauso schnell zu begeistern wie Poetry-Slammer Andy Strauß und WDR-Kabarettist Christoph Tiemann. Alle haben dem ganzen Projekt sein Gesicht gegeben – natürlich unentgeltlich. Und alles freiwillig. Obwohl einige jetzt behaupten, sie seien für die Shootings narkotisiert worden... .

Wie waren die Reaktionen auf die Fotos?

Tilman Rademacher: Auf die Episode „Westfälischer Friede“ gab es bislang die meisten und emotionalsten Reaktionen. Darauf küssen sich ein Fan von Preußen Münster und einer des VfL Osnabrück. Einer der beiden bin ich und ich war ein bisschen paranoid, weil es gerade bei Preußen Münster ein paar Ultras gibt, die einem leicht eins überziehen. Ein Fan hat sich tatsächlich beschwert, der empfand es als Sakrileg, dass wir sein heiliges Preußen da so in den Dreck ziehen, seiner Meinung nach.

Hanno Endres: Wobei der wahrscheinlich nicht „Sakrileg“ gesagt hat.... Das Bild kam bei einem Osnabrücker Lokalsender in einem Beitrag zu „Homosexualität im Profisport“ vor und wurde auf Facebook veröffentlicht. Da gab es die schönsten Reaktionen, angefangen von „Bohr echt eckelig!!!!“ über „das geht doch gar nicht“ bis zu „Ihr seid krank. Nix gegen Homosexuelle, aber so was ist eine Demütigung für jeden VfL-Fan“. Man merkt, damit haben wir ins Mark getroffen. Mein Lieblingskommentar war: „wer das bild gemacht [hat], hat echt lack gesoffen!“. Solche Reaktionen lese ich lieber als „sind echt schöne Fotos“.

Fallen Sie auf, wenn Sie in Münster Ihre Motive inszenieren?

Hanno Endres: Ja, das ist echt schwierig, wir werden ständig verjagt. Als wir das Foto auf dem Send gemacht haben, kam so ein Karusellbremser an, der das Foto für geschäftsschädigend gehalten hat. Das Foto mit dem Nazi – unsere Hommage an die unsägliche Hindenburgplatzdebatte - ist an der Universitätsbibliothek entstanden, da hat uns der Hausmeister vom Fleck weg vertrieben.

Tilman Rademacher: Das Bild „Taubenschlag“ ist in der Nähe vom Bischofsgarten aufgenommen. Es erzählt die wahre Geschichte eines Passanten, der eine Taube mit einem Regenschirm tötet. Plötzlich stand der Bischof da und wollte wissen, was wir tun. Wir haben irgendwas erzählt von Fotos für den Tierschutz.

Als Sie das Motiv „Vorsicht toter Winkel“, bei dem ein Autofahrer auf einen Radfahrer zielt, geschossen haben, kam gleich die Polizei...

Hanno Endres: In den „Westfälischen Nachrichten“ kann man regelmäßig von Schlägereien lesen, wenn ein Radfahrer einem Autofahrer die Vorfahrt genommen hat oder so was. Das wollten wir mit diesem Waffenfoto inszenieren. Wir waren gerade mit dem Shooting fertig, als zwei Polizeiautos mit vier hypernervösen Insassen angefahren kamen. Die Polizisten zielten auf uns, riefen spektakulär „Waffe aus der Hand, Hände aufs Autodach“. Ein Passant hatte alles für echt gehalten und gemeldet. Ich habe eine Anzeige wegen Verstoßes gegen das Waffengesetz und wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses bekommen. Das Verfahren wurde aber mittlerweile von der subkulturell verständnisvollen Münsteraner Staatsanwaltschaft eingestellt.

Die ersten zwölf Motive und der „Münster morbid“-Kalender sind fertig. Was kommt als nächstes? Die morbiden Seiten einer anderen Stadt?

Tilman Rademacher: Münster morbid funktioniert deswegen so gut, weil Münster sich so als besonders schöne und lebenswerte Stadt nach außen gibt – da fällt die Nestbeschmutzung besonders leicht. In Hagen oder Duisburg...

Hanno Endres: Und Dortmund. Sag bitte noch Dortmund.

Tilman Rademacher: Oder in Dortmund funktioniert es nicht so gut, weil es da zuviel tatsächliche finstere Ecken gibt. Aber wenn man hier auf der Insel der Seligen mit Schmutz wirft, hat das eine ganz andere Wirkung.

Hanno Endres: Natürlich nehmen wir im Rahmen des Humorschutzgesetzes bereits Gagschutz für „Berlin bekloppt“, „Hamburg hässlich“, „Iiiih-Iserlohn“ sowie alle weiteren alliterationsbasierten Städtebashingprojekte in Anspruch, planen aber vorrangig für die zweite Staffel „Münster morbid“. Und dafür würden wir liebend gerne auch die Vorzeige-Münsteraner Götz Alsmann oder Quasi-Münsteraner wie das „Tatort“-Duo Axel Prahl und Jan Josef Liefers oder Oliver Korittke aus „Wilsberg“ gewinnen.

Was macht Münster trotz allem so lebenswert, dass Sie noch nicht geflohen sind?

Tilmann Rademacher: Als Schauspieler schätze ich hier die kurzen Wege sehr, die Kontakte. Münster hat ein ziemlich gutes kulturelles Angebot, viele freie Theater. Und man kann hier mit dem Fahrrad innerhalb von zehn Minuten fast jeden Punkt der Stadt erreichen. Aber so schön es hier ist, es fällt einem doch schon manchmal die Decke auf den Kopf. Da war Münster morbid vielleicht so was wie ein Reinigungsprozess.

Hanno Endres: Als Fotograf schätze ich die kurzen Wege sehr... Nein, im Ernst. Ich hatte immer so eine Auswanderungsvision, dass ich dachte: Ich muss mal noch in Australien wohnen, weil da alles viel besser ist als hier und die Leute entspannter. Aber da hat Münster morbid mein Leben verändert, weil ich erkannt habe: Hier ist es genauso übel wie anderswo auch. Über die inszenierte Nestbeschmutzung habe ich das Gefühl, ich bin wieder angekommen in Münster.

Das Interview führte Daniela Zinser für seen.by im Dezember 2012.

Weitere Informationen und Bilder

Die Serie Münster morbid erscheint als Edition auf seen.by in limitierter Auflage von 25 Exemplaren je Motiv in Acryl- oder AluDibond (matt) mit handsigniertem Zertifikat in den Größen 50x70 cm und 71x100 cm. Kleinformat 17x24 cm unlimitiert als Dibond (matt). Weitere Informationen unter www.seenby.de/hanno-endres

Copyright der Abbildungen:

© Tilman Rademacher und Hanno Endres

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