Alfredo Häberli
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Ich muss eine Idee in drei bis fünf Sätzen erklären können, sonst bin ich damit selbst nicht zufrieden.

Vielleicht ist sein Umzug von Argentinien in die Schweiz ausschlaggebend für Alfredo Häberlis Interesse an der Leichtigkeit von Objekten. Wenn er Leuchten, Möbel oder andere nützliche Dinge für den Alltag gestaltet, fallen sie durch dünne Materialien und filigrane Formen auf. Neben seinen Arbeiten für Firmen wie Alias, Luceplan, Cappellini, Iittala oder Moroso gestaltete Häberli kürzlich auch die Showrooms für Camper Schuhe in Paris und die Textilfirma Kvadrat in Mailand.

Sie haben den neuen Camper Shop in Paris gestaltet. War das ein willkommener Anlass für Sie, in größeren räumlichen Dimensionen zu arbeiten als es beim Produktdesign möglich ist?

Vor meinem Designstudium habe ich vier Jahre lang Architektur studiert und als technischer Hochbauzeichner gearbeitet, daher natürlich auch mein Interesse am Gestalten von Räumen. Der Camper Shop in Paris war eine echte Herausforderung, denn er ist extrem klein. Es war fast unmöglich, dort Schuhe auszustellen. Ich habe das Platzproblem durch einen Inseltisch in der Mitte gelöst. Darauf stehen steinförmige Tablare in verschiedenen Materialien wie Stein, Glas oder Holz mit einer leichten Farbigkeit. Damit wollte ich den Bezug zur Insel Mallorca, der Heimat des Camper-Schuhs herstellen. Der Tisch ist ungewöhnlich hoch, die Kunden haben die Schuhe also direkt vor der Nase, wenn sie sie betrachten. Über dieser Präsentation hängen Lampen in Form von Kleidungsstücken wie Jacken, Hosen, Röcke aus weißer Baumwolle. Sie symbolisieren den Humor, den das Produkt Camper hat. In der Nähe des Camper Shops gibt es nur schicke Boutiquen, deshalb wollte ich das Niveau des Ladens durch meine Innenraumgestaltung anheben. Für meinen Geschmack war das ursprüngliche Interieur zu trashig, Camper wollte sich unbedingt von seinen direkten Nachbarn abheben, was so nicht funktionierte.

Was haben Sie anders gemacht bei Ihrem Konzept?

Bei meiner Einrichtung ist die Selbstdarstellung der Marke humorvoller. An der einen Wand hängt jetzt ein Vorhang, der technische Elemente verdeckt, an der anderen Seite habe ich über 70 Cartoons zum Thema Schuhe aufgehängt, die ich gezeichnet habe, mit unterschiedlichsten Themen wie etwa: Warum stinken Schuhe? Sie enthalten Anspielungen auf Paris und Mallorca, daneben gibt einen Esel, dem Schuhe statt Ohren wachsen. Und meine Idee ist aufgegangen: Von den drei neuen Camper Shops ist dieser trotz seiner Kleinheit der umsatzstärkste. Die Passanten reagieren sehr neugierig, kommen zunächst wegen der Lampen und Zeichnungen in den Laden und kaufen dann aber auch oft ein paar Schuhe. Alle drei Shops gehören zum neuen "Together-with-Camper" Konzept, bei dem weltweit Boutiquen von Designern eingerichtet werden — zu den ersten gehören der Shop in Paris, der der Campanas in Berlin und der von Jaime Hayon gestaltete in London. Zusätzlich habe ich auch eine ganze Schuhcollection für Camper entworfen.

Zuerst wollten Sie Architekt werden, dann Künstler und jetzt sind Sie glücklich damit als Designer zu arbeiten - wie man auf Ihrer Website lesen kann. Welche Bedeutung haben Ihre Zeichnungen? Stehen sie am Anfang jeder Entwurfsarbeit oder sind sie eine Verbindung zur freien Kunst?

Ich zeichne sehr gerne mit Bleistift. Am Bleistift mag ich alles, angefangen vom Geruch bis zur Art und Weise, wie man ihn anspitzt, am besten mit einem Messer. Er ist eine direkte Verlängerung vom Bauch zur Hand — dabei kommt das Unbewusste zum Vorschein, das ist mir extrem wichtig. Zeichnungen haben sehr viel mit Intuition zu tun. Neue wage Ideen spüre ich zuerst im Bauch, wie von selbst bringt der Stift die Idee dann aufs Papier. Paul Klee hat einmal sinngemäß gesagt: Zeichnen mit dem Stift ist wie spazieren gehen. Das stimmt genau. Ich meine damit natürlich nicht meine früheren architektonischen Zeichnungen, es sind zunächst endlose Linien, eine Spannung die entsteht ohne das Gehirn als Filter. Bei jedem meiner Projekte entsteht zuerst eine Skizze. Die Arbeit am Computer kommt später, nach den Zeichnungen im Skizzenbuch, durch die meine Idee konkreter geworden ist. Sie zeichnet sich buchstäblich ab in diesem Prozess. Im nächsten Schritt bastele ich schnelle originalgroße 3-D-Modelle mit meinen Mitarbeitern. Da ist auch noch Intuition im Spiel, obwohl man mit Materialien wie Draht, Pappe und Schaum natürlich nicht ganz so spontan umgehen kann wie mit dem Bleistift. Wenn ich danach mit der Computerarbeit anfange ist die Idee schon sehr präzise geworden.

Abgesehen vom Entwurfsprozess, gibt es einen gemeinsamen Nenner bei Ihren Arbeiten?

Meine Objekte lassen dem Benutzer eine gewisse Offenheit, die Art wie man sie betrachten und benutzen kann. Es sind alles dünne, filigrane und leichte Objekte. Leichtigkeit interessiert mich. Der Designer Enzo Mari hat mir vorgeschlagen doch einmal etwas ganz anderes, Schweres zu machen, etwas was nicht so luftig und elegant ist, vielleicht aus Stein. Aber mit diesem Gedanken konnte ich mich nicht anfreunden. Was meine Objekte auch oft noch gemeinsam haben ist der Mehrwert: Ein Sessel, der mit einem Tisch fusioniert, Kleiderbügel mit Zusatzgriffen, zwei Funktionen in Einem, so dass es zu neuen Typologien kommt.

Müssen Sie Ihre Auftraggeber manchmal erst von solchen Ideen überzeugen?

Obwohl meine Ideen in vielen Dingen, die ich entwerfe stark zu erkennen sind, basieren sie natürlich auf der Zusammenarbeit mit der Industrie. Ich muss eine Idee in drei bis fünf Sätzen erklären können, sonst bin ich selbst damit nicht zufrieden. Ich mag es nicht, wenn keine Leidenschaft in den Entwürfen zu spüren ist. Das betrifft meine eigenen genauso wie die von Designerkollegen.

Welche Designer schätzen Sie?

Konstantin Grcic auf jeden Fall, von dem würde ich einfach alles kaufen, wenn ich den Platz dafür hätte. Auch Jasper Morrison und Ross Lovegrove, obwohl Ross' Handschrift nicht die meine ist, aber er entwirft geniale Produkte. Da steckt eine wirkliche Idee, eine Vision dahinter.

An welchen Projekten arbeiten Sie gerade?

Aktuell habe ich den neuen Showroom für die dänische Textilfirma Kvadrat in Mailand gestaltet. Dann bin ich mit der Entwicklung zweier Außenleuchten für Luceplan beschäftigt, die sehr architektonisch aussehen. Außerdem arbeite ich an einer Outdoormöbel-Familie für Alias aus Draht. Mit sehr reduzierten Drähten, in die beispielsweise Jacken oder ein Schlafsack eingehängt werden.

Und welche Bilder haben Ihnen am besten gefallen?

Da ist zunächst das Foto von Nicola Roman Walbeck: Es gibt immer einen Plan B bei den Italienern. (Das Haus hätte schweben sollen...) Bei Jean-Noel Frederiks "Metall II" hat mir das Material gefallen — und die unendlich vielen Wege. "Spring" von Manunel Wagner: 1, 2, 5, 12 Meter schon mit 12 gesprungen. "Girl Aigner" von Franziska Uhlig: Wäre ich nicht Designer geworden, würde ich wohl illustrieren. Und schließlich "Chair-One_Magis: Wenn kg für Kilogramm steht, dann ist Konstantin als Designer tonnenschwer.

Vita

Alfredo Häberli (*1964 in Buenos Aires) verbrachte seine Kindheit in Argentinien. 1977 zog er mit seinen Eltern in die Schweiz um, wo er die "Höhere Schule für Gestaltung" in Zürich besuchte und 1991 mit dem Diplom im Fach Industrial Design abschloss. Seit 1988 arbeitet er für das Zürcher "Museum für Gestaltung" immer wieder als Kurator für zahlreiche Ausstellungen. Sein eigenes Studio gründete Häberli im Jahr 1993, zu seinen ersten Kunden gehörten namhafte Firmen wie Alias, Authentics, Edra, Driade, Luceplan, Thonet und Zanotta. Später kamen Auftraggeber wie Asplund, Camper, Cappellini, Classicon, Iittala, Joop!, Leitner, Moroso und Volvo hinzu. Häberlis Spektrum reicht von Leuchten und Möbeln sowie nützlichen kleinen Objekten bis zum Shopdesign. Im Jahr 2001 begann sein Lehrauftrag als Dozent für Innenarchitektur an der "Hochschule für Gestaltung und Kunst" in Basel. Für seine Arbeit erhielt er internationale Auszeichnungen wie die Carte Blanche der französischen Designförderung VIA oder den Swiss Industrial Designer Preis.

Heike Edelmann, geboren 1964 in Essen, ist Journalistin und Werbetexterin und lebt in Hamburg. Sie studierte Kunstwissenschaften in Frankfurt am Main und war von 1988-90 Mitarbeiterin der Zeitschrift "Wolkenkratzer Art Journal". Heike Edelmann betreut — zunächst für die Zeitschrift "Horizont" — später für "Page", das Ranking europäischer Corporate Design-Agenturen. Sie ist freie Mitarbeiterin der Deutschen Presseagentur (dpa) für Designthemen und zusammen mit Thomas Edelmann verantwortlich für die Redaktion des im Birkhäuser Verlag erschienenen Buches "Entry Paradise — Neue Welten des Designs".