Zwischen Himmel und Erde

Unterwegs fühlt er sich am wohlsten, ob in der Luft als Pilot oder auf Reisen in fremde Länder und Kulturen. Durch das Objektiv seiner Kamera ist seen.by-Fotograf David Bowden auf ständiger Suche nach neuen Eindrücken. In den Bildern erzählt er am liebsten Alltagsgeschichten, mal aus dem Leben fotoscheuer Amish People, mal von Mädchen in einer Koranschule oder stolzen New Yorker Cops auf ihren schweren Maschinen.

Die strengen Proportionen und die klaren Farben erinnern fast ein wenig an ein Gemälde aus der Renaissance. Ganz untypisch hat der begeisterte Schwarzweiß-Fotograf diese Aufnahme aus einer Koranschule in Istanbul farbig belassen. „Farbe gehört zu Kindern. Es wäre schade um die bunten Röcke der Mädchen gewesen“, begründet er die Wahl, „sie werden in der Schule getrennt von den Jungs unterrichtet. Man sieht auf dem Bild ein paar Mädchen, die, wie alle Mädchen in diesem Alter, Jungs nebenan beim Unterricht beobachten.“ Abseits typischer Touristenpfade taucht er mit seiner Kamera in die Welt des Islams ein. „Ich versuche nicht, mich zu verstecken oder den Eindruck zu erwecken, dass ich heimlich Bilder mache. Als ich das Bild aufgenommen habe, fühlte ich mich als Teil des Geschehens. Obwohl es für mich eine fremde Kultur war, habe ich sie auch ohne Wörter verstanden.“ In respektvollem Abstand entstanden auch die Aufnahmen zur Fotoserie „Amish“. Auf einer Reise nach New Jersey zum Klassentreffen seiner Frau fotografiert er in der altertümlichen, von der Moderne abgeschiedenen Welt der Amish People. Die christliche Gemeinschaft lebt in Pennsylvania streng nach den Geboten der Bibel. „Amish mögen es nicht, fotografiert zu werden. Sie haben keine Bilder an der Wand, weder von Familie, noch von Hochzeiten oder Geburtstagen. Man sollte ihnen deshalb nicht einfach die Kamera unter die Nase halten! Also fotografierte ich sie von der Seite oder von hinten.“ Die Aufnahmen wecken in David Bowden Erinnerungen an die schönsten Momente seiner Kindheit. Auf dem Bauernhof seiner Großeltern im Süden Englands durfte er „auf dem Weg ins Dorf mit auf dem Pferdegespann sitzen und bei der Heuernte auf der von Pferden gezogenen Erntemaschine mitfahren. Das ist jetzt fast 60 Jahre her. Das ist das Schöne an Fotografien: die Erinnerung bleibt wach und erlaubt ein Sprung zurück in die Vergangenheit.“

Ganz gegenwärtig sind die Cops vom NYPD, die er für „Don’t mess with the Law“ in New York fotografierte. Ihre Harleys standen in der 42nd Street vor einem Diner, in das sich Bowden verirrte. Die beiden Hüter des Rechts kamen ihm entgegen. „Wir kamen kurz in Gespräch und ich fragte, ob ich ihre Motorräder ablichten dürfte. Sie willigten sofort ein und stellten sich unaufgefordert neben ihre Maschinen, voller Stolz auf ihre Uniformen, ihren Job und ihre Stadt. Sie waren aber vor allem normale Menschen, die man ohne Probleme ansprechen konnte. Sie haben mich sogar gefragt, ob ich eine der Maschinen fahren wollte… Aber das, denke ich, war wohl nicht ganz ernst gemeint!“

So detailreich wie die Aufnahmen des Fotografen ist auch sein Leben. Von Kindesbeinen an hat sich der gebürtige Brite als „Kosmopolit“ gefühlt. Als britischer Berufssoldat stillte er in den Sechziger Jahren seine Reiselust. „Ich hätte niemals eine bessere Gelegenheit gehabt, die Welt kennenzulernen. Leider habe ich damals keine Kamera gehabt“, bedauert Bowden, der inzwischen mit seiner Frau in Baden-Baden lebt. „Die Bilder von den wunderbaren Orten und Menschen, denen ich begegnet bin, sind nur noch vage Erinnerungen im Kopf.“ Vor drei Jahren packt ihn der Ehrgeiz. Der ruhelose Weltenbummler wollte mehr als nur Schnappschüsse fotografieren. Es ärgerte ihn, dass von seinen vielen Reisen fast keine oder nur schlechte „Knipserei“ existierte. Jetzt will er „anständige Ergebnisse“ erzielen, einen Moment festhalten, ihn künstlerisch umsetzen und etwas Einzigartiges erschaffen.

Das Beobachten seiner Umgebung begeisterte David Bowden bereits als Kind. Auf Papier hielt er seine Eindrücke mit dem Bleistift fest. „Meine Lieblingsmotive waren schon damals Leute und ihr tägliches Tun. Leider sind diese Skizzen für immer verloren. Ich würde sie gern noch einmal betrachten.“ Künstlerische Kreativität spielt bis heute eine große Rolle in seinem Leben. Früher malte und bildhauerte er. Jetzt ist die Fotografie seine Leidenschaft. „Ein Bild muss für mich vor allem Tiefe und Charakter haben – und eine Geschichte erzählen. Technische Perfektion der Aufnahme ist für mich nicht so entscheidend. Der Betrachter kann mit seiner eigenen Sichtweise die Geschichte interpretieren.“ Die Motive sind meist schwarzweiß. Farbe lenkt seiner Auffassung nach den Blick auf das Wesentliche, die „Seele des Bildes“, oft zu sehr ab. Als begeisterte „Street-Fotograf“ bewundert er die schwarzweißen Straßenszenen von Henri Cartier Bresson ebenso wie die Südstaaten-Bilder von Walker Evans oder Andreas Feiningers New-York-Bilder aus den Vierziger Jahren. Kopieren will er die Dokumentarfotografen und ihre analoge Technik nicht, sondern lieber seinen Stil mit einer digitalen Nikon D800 weiter entwickeln und damit den Unterschied zu anderen Fotografen deutlich machen. Für ihn steht fest: „Jeder sieht mit seinen Augen die Welt, den Moment und das Motiv anders.“

Neben dem Fotografieren gehört Bowdens Liebe dem Fliegen. „Schon als Kind habe ich davon geträumt, aber damals war es für mich etwas Unerreichbare. An meinem 58. Geburtstag fragte mich meine Frau, ‚was willst du noch im Leben tun?‘ In dem Moment flog ein kleines Flugzeug über das Haus. ‘Fliegen lernen‘ war meine Antwort. ‚Tue es‘ sagte sie. Kurz darauf habe ich in den USA meinen Pilotenschein gemacht. Mein Kindheitstraum ging in Erfüllung. Ich habe in dieser Zeit festgestellt, dass Fliegen tatsächlich etwas Besonderes ist, und dass Piloten „Special People“ sind… Aber dass bin ich ja auch!“

Trotz aller Flugbegeisterung geht für den Fotografen das Leben unten auf der Straße weiter, ebenso das Reisen. Seine Wünsche für die Zukunft sind deshalb ganz irdisch, „ein größeres Publikum erreichen. Menschen mit meinen Bildern Freude bereiten, auch mir selbst. Das ich weiterhin in der Lage bin, für viele weitere Jahre die Welt noch mehr zu entdecken und fotografieren zu dürfen.“

Sabine Tropp für seen.by im Dezember 2012

Copyright der Abbildungen: David Bowden

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